Bedeutung von Orchideennamen

Im Grunde genommen ist der wirkliche Name einer Orchidee für den Liebhaber unwesentlich. Aber ebenso wie unser rassistisches Denken in der Frage fußt: „Wer bin ich und woher komme ich“? stellt sich für den Orchideenliebhaber irgendeinmal die Frage: „Was ist das für ein Kraut, dass ich auf meiner Fensterbank pflege“? Vor allem dann, wenn das Orchideenfieber ausbricht und es immer Mehr Pflanzen werden. Spätestens dann genügt die Beschreibung: “Lange grüne Blätter mit einer Verdickung am Grunde und roter Blüte“ nicht mehr.

Taxonomie von Orchideen, etwas ausführlicher:

Baukasten der Orchideennamen

Um eine Orchidee genau zu bezeichnen, so dass man an der Ladentheke die Bezeichnung nennen und der Verkäufer das aus dem Gewächshaus herausholen kann was man haben will, benötigt es einen Namen, der sich aus mehreren Einzelkomponenten zusammensetzt. Dabei hat jedes „Namensfeld“ eine bestimmte Bedeutung und wird nach bestimmten Regeln gebildet, wobei auch die Schreibweise eine Rolle spielt. Nachstehendes soll auch dem Neuling helfen, die Systematik der Orchideenbezeichnung zu verstehen.

Naturformen

Eine Orchideenbezeichnung besteht mindestens aus zwei Teilen, nämlich aus dem Gattungsnamen (Genus), gefolgt von der Bezeichnung der Art (Spezies). Dabei beginnt der Gattungsname mit einem Groß-, der Artenname mit einem Kleinbuchstaben, und die gesamte Bezeichnung wird entweder unterstrichen oder Kursiv geschrieben. Kursiv (Lateinisch Currere `laufen´, `rennen´)

Beispiele: Barbosella cucullata Barbosella cucullata

Dies ist eine Naturform, die im Jahre 1918 von Rudolf Schlechter endgültig in die Gattung Barbosella eingegliedert wurde. Diese Tatsache kann zur genaueren Bezeichnung in Form eines Anhanges der Pflanzenbezeichnung hinzugefügt werden:

Barbosella cucullata Schlechter 1918

Der Name des Botanikers wird üblicherweise abgekürzt, was eine Kenntnis der Abkürzungen erforderlich macht.

Beispiel: Barbosella cucullata Schl. 1918

Der eigentliche Entdecker und „Erstbeschreiber“ der Pflanze in unserem Beispiel ist jedoch nicht Schlechter (dieser hat, wie erwähnt, die Pflanze im Jahre 1918 nur neu eingegliedert), sondern John Lindley. Auch dieser wird in solchem Falle im Anhang der Orchideenbezeichnung erwähnt, ebenfalls abgekürzt und in runde Klammern gesetzt. Damit lautet die vollständige und korrekte Bezeichnung unserer Beispielpflanze

Barbosella cucullata (Lindl.) Schl. 1918

Varietäten

Es kann in der Natur (und natürlich auch beim Züchter) vorkommen, dass zwei Pflanzen in allen botanischen Merkmalen einer Spezies übereinstimmen, nur in einigen wenigen nicht, beispielsweise in der Blütenfarbe. Diese „Abart“ wird als Varietät bezeichnet und dem Pflanzennamen, ebenfalls als Anhängsel, angefügt. Dabei wird das „Schlüsselwort“ Varietät als var. abgekürzt und nicht kursiv geschrieben.
Unsere Beispielpflanze blüht grün. Gäbe es eine weiß blühende Abart (Varietät) mit identischer Geschichte,
lautete der korrekte Name demnach

Barbosella cucullata var. alba (Lindl.) Schl. 1918
(alba ist lateinisch und bedeutet weiß).

Hybriden

Bei Kreuzungen werden aus taxonomischer Sicht Zweigattungs- und Mehrgattungshybride unterschieden, wobei Dreigattungshybride aus historischen Gründen eine Sonderstellung einnehmen.
Hybride sind nun mal keine eigenständige Gattung, sondern ziehen bestimmte Merkmale mehrerer Gattungen in einer Pflanze zusammen, während andere Merkmale verschwinden. Diesem Umstand trägt man bei der Namensvergabe Rechnung: Es werden Namensteile der beteiligten Gattungen zu einem Wort zusammengezogen.

Beispiel: Doritaenopsis = Doritis x Phalaenopsis

(Das „x“ steht für „Kreuzung“ und wird wie der Multiplikator „mal“ ausgesprochen.)
Doritaenopsis ist eine Kreuzung (Hybride) aus den Gattungen Doritis und Phalaenopsis;
„Doritis x Phalaenopsis“.

Sind drei Gattungen an der Kreuzung beteiligt, wird’s entsprechend komplizierter:

Brassolaeliocattleya = Brassavola x Laelia x Cattleya Abkürzung Blc.

Da manche Züchter wie die Kaninchen am Fließband produzieren, wird die Wegverfolgung immer schwieriger. Unwissenheit im Hybridbereich ist also keine Schande, denn selbst Botaniker haben hier ihre liebe Not.
Für alle die es aber wissen wollen, legen wir noch ein Schäuferl drauf.

Die Fortschreibung des Namenssystems für Hybride führt rasch zu völlig unbrauchbaren Wortungetümen bei Mehrgattungshybriden. Diesem Wildwuchs wurde ein Riegel vorgeschoben, in dem man eine neue Regelung einführte. Diese schreibt einen vom Züchter zu vergebenden Namen für seine Hybride vor, dem dann die Endung „ara“ angehängt wird. In der Regel wird der Züchter, wenn er nicht gerade am Fließband hybridisiert, seinen eigenen Namen als Bezeichnung wählen. Beispiel:

Vuylstekeara = Miltonia x Odontoglossum x Cochlioda

erinnert an den großen belgischen Orchideenzüchter Charles Vuylsteke, der im frühen
20. Jahrhundert wirkte.

Diese Regel wurde für die meisten Mehrgattungshybride durchgängig eingehalten, jedoch gibt es noch massig Dreigattungshybride mit zusammengesetzten Namen, daher die weiter oben erwähnte Sonderstellung. Damit sind wir zu einer neuen Beispielpflanze gelangt, die hervorragend geeignet ist, die Taxonomie der Hybriden weiter zu beleuchten. Nach dem bisher gelernten, steht also der Hybridennamen unserer neuen Beispiel-Orchidee an der Stelle der Gattungsbezeichnung.

Wie sieht es nun mit der Artenbezeichnung aus, die ja dem Gattungsnamen nachzustehen hat. Nachdem Latein die Sprache der Botaniker ist und Genera, (von lat. genus, „Art, Gattung, Geschlecht“) Spezies und Varietäten üblicherweise in Latein angegeben werden, hat man diese Regel zunächst auch für die Artenbezeichnungen bei Hybriden beibehalten. Hier müsste man jedoch besser von Sorten statt Arten sprechen, da der Begriff „Art“ auf Naturformen fixiert ist. Tatsächlich spricht man bei Hybriden von „Grex“. Unsere Vuylstekeara gibt es nun auch in verschiedenen Sorten. Die bekannteste dürfte die Cambria sein: Vuylstekeara Cambria

Man sieht, dass der Grex im Gegensatz zum Artennamen mit einem Großbuchstaben beginnt und nicht kursiv geschrieben wird. Damit kann man auch hier schon an der Schreibweise erkennen, dass es sich um eine Hybride handelt, auch wenn der Begriff Vuylstekeara unbekannt sein sollte. Um eine noch offensichtlichere „optische“ Verschiedenheit zwischen Arten- und Sortennamen zu schaffen, ist man später dazu übergegangen, Sortennamen bei Hybriden nicht mehr zu latinisieren.

(Artenbezeichnungen werden immer latinisiert).

Es gibt auch bei Hybriden Varietäten, nur heißen sie dort Kultivare oder Clone (obschon der letztere den Begriff des Kultivars zu ersetzten beginnt, ist dieser verständlicher. Ein Kultivar bezeichnet eine bestimmte „Varietät“ bei Hybriden, die dem Züchter (oder seinem Publikum) so gefallen, dass sie einen eigenen Namen bekommt. Dieser wird dem Hybridennamen in einfache Hochkommata eingeschlossen angehängt. Der bekannteste Kultivar der VuylstekearaCambria heißt Plush, also lautet die korrekte Bezeichnung: Vuylstekeara Cambria ‚Plush‘

Diese „Varietäten“ sind bei Hybriden sehr häufig und züchten nicht rein weiter.
Hat sich ein Züchter also entschieden, z.B. einen bestimmten Farbschlag weiterzukultivieren, ist’s vorbei mit dem Sex. Nachkommen registrierter Kultivare dürfen den Kultivarnamen nur dann tragen, wenn sie vegetativ entstanden sind. Kreuzt man eine Vuylstekeara Cambria ‚Plush‘ mit einer Vuylstekeara Cambria ‚Plush‘, darf kein Nachkomme den Kultivarnamen ‚Plush‘ führen. Wahrscheinlich sehen auch die wenigsten daraus entstandenen Pflanzen so aus.

So, nun haben wir uns fast alles erarbeitet, das wir wissen müssen, um mit Orchideen-Namen umgehen zu können. Es fehlt nur noch ein kleines i-Tüpfelchen. Manchmal stößt man bei Orchideennamen auf weitere seltsame Anhängsel aus zwei Folgen von Großbuchstaben, durch einen Slash („/“) getrennt.

Was hat es nun damit noch auf sich?
Hier handelt es sich um die Angabe von Auszeichnungen oder Preisen, die die Pflanze gewonnen hat, und der verleihenden Institution.

Beispiele für diese Institutionen sind:

AOS – American Orchid Society
RHS – Royal Horticulture Society
DOG – Deutsche Orchideen-Gesellschaft

Beispiele für Preise sind:

FCC – First Class Certificate
GM – Gold Medal
CHM – Certificate of Horticultural Merit

Natürlich gibt es eine Menge anderer Abkürzungen über Preise von Organisationen, die kaum in einem vernünftigen System aufzulisten sind. Vor allem sind es die Asiaten, die in einem fast mafiaartigen System Preise vergeben die kein Europäer kennt. Erhalten die Züchtungen der Chinesen bei internationalen Gremien keine Preise, gründen sie einfach eine neue Organisation die die Preise nach anderen Gesichtspunkten vergibt. Ebenso ist es bei der Namensgebung. In ganz China gibt es nicht so viele berühmte Persönlichkeiten die würdig erscheinen den Namen einer Orchidee zu tragen, als es Neuzüchtungen von Orchideen gibt. Dieser Umstand führt dazu, dass die Orchidee nach der Freundin des Chefs, (in der Hoffnung, dass er diese oft wechselt), seines Hundes, oder der Tante Chung Zin als Orchideennamen erscheinen.

Dies ist eine kurze Abhandlung über die Systematik der Orchideennamen, die für sich den Anspruch erheben möchte, allgemeinverständlich und anfängertauglich und dabei doch erschöpfend zu sein.
Aus dem Namen einer Orchidee soll ersichtlich sein welchen Weg sie bis in unsere Zivilisation genommen hat. Aus Ihrem „Ochideenpass“ soll im freien Handel aber auch an Hand einer Codierung erkennbar sein, ob sie bereits blühfähig ist, oder erst in einen oder mehreren Jahren blühen wird. Auch soll auf diesem Pass vermerkt sein, wann die Orchidee umgetopft wurde. Aus der Code-Nummer soll auch ersichtlich sein wo die Orchidee gekauft wurde. Auf diese Weise ist auch noch nach Jahren der Weg der Pflanze zu verfolgen.